Herten-Süd

Published on Februar 4th, 2016 | by RM

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Der Punk(y) ist die Quelle der Inspiration

In Herten-Süd ist Christian „Punky“ Bahr gar nicht zu übersehen. Der Schöpfer unterschiedlichster Skulpturen und Maschinen, der Aktions- und Lebenskünstler ist eine Erscheinung. Punky ist überall präsent und irgendwie die „Keimzelle“ des Hertener Kreativ.Quartiers. Längst überfällig, dass wir ihm ein kleines Porträt widmen.

Eine Stunde Interview und 786 Wörter sind eigentlich zu wenig. Bei Punky weiß man nicht, wo man anfangen soll. Der 53-Jährige ist so vieles, macht so vieles und hat so vieles zu erzählen. Ein Gesamtkunstwerk. Wir könnten bei seiner Lehre als Maschinenbauer anfangen, die vielleicht den Grundstein für alles legte. Oder bei seinem Dasein als einer der ersten Punks, die man auf den Straßen von Herne in den 70er Jahren sah. Wir könnten über sein Ausbrechen berichten, wie er sich durch ganz Europa durchschlug. Wie er dann zurückkam und seinen Lebensunterhalt als nächtlicher Kurierfahrer verdiente, inklusive einiger Unfälle, bei denen manch anderer…nun ja.

Punky Bahr

Wer Punky trifft, kann sich schon denken, dass dieser Mann eine bewegte und interessante Geschichte hinter sich hat. Es sind Anekdoten vom Glück und vom Scheitern, vor allem aber vom Wiederaufstehen. Und letztendlich passen sie alle zusammen. Es ergibt auf eine krude Art und Weise Sinn. Als ob irgendwer vielleicht immer genau das mit Punky vorhatte. Um ihn vielleicht irgendwo hinzubringen, wo er etwas bewegen kann. Und vielleicht ist dieser Ort der Hertener Süden.

Als sich das Projekt Kreativ.Quartier noch im Embryostatus befand, war Punky schon hier. 2009 lockte ihn die Idee von „Süd erblüht“ auf die Ewaldstraße. „Ich habe damals in Recklinghausen gewohnt und in der Zeitung vom Stadtumbauprojekt gelesen. Ich wusste gar nicht, wo das sein soll, aber mir gefiel das Konzept, dass dort innovative Geschäftsideen für die Leerstände gesucht wurden“, erklärt er seine ersten Berührungspunkte mit Herten-Süd. Seine innovative Idee, die ihm damals schon länger im Kopf rumspukte: Haushaltsauflösungen und Entrümpelungen mit Kunst verbinden. Aus allen möglichen alten Dingen, die er aus einer Wohnung oder einem Keller holt, wollte er Skulpturen bilden, diese ausstellen und oder verkaufen. Trash-Kunst. Modern nennt man so etwas manchmal auch Upcycling. „Künstler war ich irgendwie schon immer. Ich habe als Kind und Jugendlicher Sachen auseinandergenommen und anders wieder zusammengeschraubt. Manchmal richtig handwerklich, manchmal improvisiert, manchmal künsterlisch. Aber es trug immer meine Handschrift.“

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In jeder Ecke: Punkys Wohnatelier ist voll von seinen skurrilen Trash-Skulpturen. Seine Werke können dort besichtigt werden, wo er lebt und arbeitet.

Zu der Zeit war Punky arbeitslos. Seinen Job als Kurierfahrer konnte er nach einem Unfall 2004 eine Zeit lang nicht mehr ausüben, verlor den Anschluss. Da kam Herten-Süd wie gerufen, um die Kunst endlich zum Beruf zu machen. Also bezog er ein leerstehendes Ladenlokal auf der Ewaldstraße und machte daraus sein Atelier. Über seine Anfänge berichtet er mit gemischten Gefühlen: „11 Ausstellungen habe ich im Jahr veranstaltet, Publikum und befreundete Künstler aus der Region und teilweise aus ganz Deutschland nach Herten gelockt. Ein schönes Gefühl war das, aber anstrengend. Es hat mich teilweise aufgefressen.“

So schwer es manchmal für ihn selbst war, für den Standort leistete er damit unschätzbare Pionierarbeit. Seit dem Kulturhauptstadtjahr 2010 soll der Hertener Süden bekanntlich unter dem Label Kreativ.Quartier weiter wirtschaftlich entwickelt werden. Klar, dass alle Beteiligten froh waren, dass einer wie Punky bereits da war. Fortan war er aus sämtlichen Aktionen im Viertel gar nicht mehr wegzudenken. Er konnte sogar einige weitere Kreative dazu überreden, sich hier niederzulassen. „Ich bin jetzt aber auch nicht der große Zampano. Wenn ich weggehen würde, fällt hier nichts in sich zusammen“, betont er ehrlich zu sich selbst.

Etwas Wahrheit liegt dennoch in dieser Keimzellen-Theorie. Vor Punky war in Süd wenig los, außer Leerstand und etwas Chaos. Aber hätte sich ein Typ wie er in einem bürgerlichen Viertel wohler fühlen können? Punky und die Ewaldstraße – das passt. Und siehe da: nach nur fünf Jahren herrscht wieder Leben und Hoffnung. Ob durch Sanierungen des Stadtbilds und Veranstaltungen sowie Ansiedlungen von Künstlern, Kreativen oder „normalen“ Unternehmern. Dazu trug und trägt Punky bei.

Die Kritik, die von hier und dort immer wieder am Kreativ.Quartier-Projekt als Konzept der Stadtentwicklung im Ruhrgebiet aufflammt, ärgert ihn deshalb. Er nimmt sie aber nicht als Rückschlag hin. Er macht weiter. Neben seinen Tätigkeiten als bildender Künstler, veranstaltet er in Herten immer wieder Aktionskunst oder Rock-Konzerte, wie die Festivalreihen „Volk auf Ewald“ und „Volk im Katzenbusch“.

Vielleicht ist es ja also doch ganz einfach, diesen vielseitigen Typen Punky zu beschreiben. Vielleicht fängt man einfach so an: Man präsentiert kommentarlos sein unterschiedliches Schaffen. „Ich war immer ein Punk und bin es immer noch. Punk nicht im Sinne der großen Revolution oder auf einer Parkbank sitzend Bier zu trinken. Punk im Sinne von persönlicher Freiheit, sich nicht festzulegen. Ich musste immer raus, etwas selber auf die Beine stellen und machmal auch laut den Mund aufmachen. Das ist die Quelle meiner Inspiration.“


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One Response to Der Punk(y) ist die Quelle der Inspiration

  1. Fred Toplak says:

    Guter Bericht –
    eine Bereicherung und macht neugierig auf ein kennenlernen. VG Fred

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